Lipödem – die unterschätzte Systemerkrankung
Das Lipödem wird in der klassischen Medizin häufig auf eine kurze Formel reduziert: „eine chronische Fettverteilungsstörung, meist an Beinen und Armen, hormonell bedingt, genetisch beeinflusst, nicht heilbar“. Doch diese Erklärung greift viel zu kurz. Hinter den sichtbaren Fettansammlungen verbirgt sich ein komplexes Krankheitsgeschehen, das den gesamten Organismus betrifft – von der Hormonbalance über die Mikrozirkulation bis hin zum Nervensystem.
Mehr als ein ästhetisches Problem
Bei Betroffenen treten symmetrische Fettpolster an Beinen, Hüften und manchmal Armen auf. Hinzu kommen Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Blutergüsse und das Gefühl schwerer Beine. Viele Frauen berichten zudem über eine erhebliche psychische Belastung, die nicht selten in Depressionen mündet.
Doch was äußerlich sichtbar wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das eigentliche Geschehen spielt sich im Verborgenen ab: in den kleinsten Blutgefäßen, in der zellulären Energiebildung und in einem chronischen Entzündungsprozess, der sich über Jahre hinweg verstärken kann.
Lipödem – ein systemisches Krankheitsbild
Während die Schulmedizin das Lipödem oft als genetisch fixierte, unheilbare Krankheit einstuft, zeigt ein genauer Blick: Es handelt sich um eine multifaktorielle Systemerkrankung, die hormonelle, immunologische und metabolische Ebenen miteinander verknüpft.
1. Hormonelle Auslöser
Das Lipödem entwickelt sich fast immer in Phasen großer hormoneller Veränderungen – Pubertät, Schwangerschaft oder Wechseljahre.
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Östrogenüberschuss steigert die Gefäßdurchlässigkeit und begünstigt Wassereinlagerungen.
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Progesteronmangel schwächt die Gewebsstabilität.
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Eine gestörte Cortisolachse verstärkt Entzündungen und begünstigt Fettansammlungen.
2. Störung der Mikrozirkulation
Studien deuten auf eine chronische Endotheldysfunktion hin. Die feinen Blutgefäße verlieren ihre Barrierefunktion, Flüssigkeit tritt ins Gewebe über, und das Lymphsystem ist dauerhaft überlastet. Die Folge: Schwellungen, Spannungsgefühle und Schmerzen.
3. Mitochondriale Dysfunktion
In den betroffenen Regionen arbeiten die Mitochondrien – die „Kraftwerke der Zellen“ – oft unzureichend. Der Energiemangel führt zu oxidativem Stress, Gewebsschädigung und einer Neigung zu chronischen Entzündungen.
4. Entzündliche Prozesse
Das Fettgewebe selbst wird zum aktiven Akteur: Adipozyten schütten entzündliche Botenstoffe wie Interleukin-6 und TNF-α aus. Dadurch entsteht ein Teufelskreis aus Entzündung, Wassereinlagerung, Schmerzen und noch mehr Entzündung.
5. Epigenetik und Umweltfaktoren
Chemikalien wie BPA, Phthalate, Glyphosat oder Aluminium können hormonell wirksam sein und epigenetische Veränderungen auslösen. Damit wird erklärbar, warum die Häufigkeit des Lipödems in den letzten Jahrzehnten zunimmt.
6. Psychische Dimension
Viele Patientinnen fühlen sich stigmatisiert oder missverstanden. Das belastet die Psyche enorm und verstärkt den biologischen Stress, was wiederum hormonelle Dysbalancen und Entzündungen fördert.
Therapie: Symptomlinderung oder Ursachenarbeit?
In den Leitlinien finden sich drei Standardmaßnahmen:
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Kompressionstherapie zur Entlastung der Gefäße
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Manuelle Lymphdrainage bei starker Wassereinlagerung
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Liposuktion, um das krankhaft veränderte Fettgewebe chirurgisch zu entfernen
Diese Verfahren können die Lebensqualität verbessern – sie greifen jedoch nicht tief genug, um die systemischen Ursachen zu verändern. Neue Ansätze konzentrieren sich deshalb auf:
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Stärkung der Mitochondrien durch gezielte Mikronährstoffe (Q10, NADH, L-Carnitin, Antioxidantien)
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Hormonbalance durch Stressabbau, pflanzliche Unterstützung und Vermeidung hormonaktiver Schadstoffe
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Förderung der Mikrozirkulation mit Bewegung, Vibrationstraining, pflanzlichen Lymphmitteln und Omega-3-Fettsäuren
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Reduktion von Entzündungen durch antiinflammatorische Ernährung, Vitalpilze und Darmgesundheit
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Regulation des Nervensystems über Atemübungen, Vagus-Stimulation und Trauma-Arbeit
Lipödem neu verstehen
Das Lipödem ist kein kosmetischer Makel, sondern ein biologisch erklärbares Syndrom. Es betrifft Hormone, Gefäße, Mitochondrien, Immunsystem und Psyche gleichermaßen. Betroffene brauchen daher mehr als reine Symptombekämpfung – sie brauchen ein Verständnis für die Zusammenhänge und eine ganzheitliche Therapie.
👉 Was wäre, wenn wir aufhören würden, das Lipödem nur als „Fettproblem“ zu betrachten – und es stattdessen als Sprache des Körpers begreifen, der auf tiefere Ungleichgewichte hinweist?