Stuhl

Wann ist eine Stuhluntersuchung sinnvoll?
Eine Stuhluntersuchung ist nicht nur bei Verdauungsbeschwerden sinnvoll, also bei Störungen die ganz offensichtlich im Darm begründet sind. Aufgrund der enormen Kontaktfläche und der vielen Abwehrzellen im Darm spielt dieser auch bei vielen anderen Erkrankungen eine Rolle. Unter anderem bei folgenden Krankheitsbildern veranlassen Therapeuten eine Stuhluntersuchung:
• Allergische Erkrankungen
(z.B. Heuschnupfen, Lebensmittelallergien, Neurodermitis, Asthma)

• Abwehrschwäche
(z.B. erhöhte Infektanfälligkeit, chronisches Müdigkeitssyndrom, diverse Hauterkrankungen, Pilzerkrankungen, Krebsnachsorge)

• „Verdauungsstörungen”
(z.B. Durchfälle, Verstopfung, Blähungen, entzündliche Darmerkrankungen)

• Darmkrebsvorsorge

Wie ist die Untersuchung zu werten?
1. Stuhlflora-Befunde nicht isoliert betrachten
Die Stuhlflora wird auch von zahlreichen „externen” Faktoren beeinflusst. Stuhlflora-Befunde dürfen daher nicht isoliert betrachtet werden. Die Bewertung muss individuell auf Basis einer genauen Anamnese erfolgen. Schematisierte und automatisch generierte Diagnosen oder gar komplexe Therapieempfehlungen werden der intestinalen Realität in den meisten Fällen nicht gerecht. Nur der Therapeut kann letztendlich Klinik, Anamnestik und Laborbefunde zu einem individuellen Gesamtbild zusammenführen. Der medizinische Mikrobiologe kann hier jedoch unterstützend tätig werden.
2. Gesamtbefund entscheidend
Der Einzelbefund (z.B. die Veränderung der Keimzahl einer Bakterienart oder -gruppe) darf nicht überbewertet werden. Im Vordergrund steht der „Gesamteindruck”. Eine einfache Zusammenfassung des Stuhlflorabefundes liefert die Intestinale Ökobilanz.
3. Standortfaktoren beachten
Veränderungen in der Stuhlflorazusammensetzung gehen häufig auf ein verändertes mikrobielles Substratangebot und veränderte intestinale Milieufaktoren zurück. Sie sind also oft sekundärer Natur. Zur Abklärung der Grundursache dieser Störungen ist die Kenntnis der Stoffwechseleigenschaften der einzelnen Keimgruppen erforderlich. Welche Keime welches Substrat nutzen und wie sie das Darmmilieu beeinflussen zeigt folgende Tabelle:
Die Kenntnis dieser „Vorlieben” der einzelnen Keime erlaubt dem Therapeuten Rückschlüsse auf mögliche Ursachen von Stuhlflora-Verschiebungen. Über die Bestimmung von Verdauungs-, Entzündungs- und Immunparametern aus dem Stuhl kann dann die gezielte Suche nach veränderten mikrobiellen Standortfaktoren erfolgen.
4. Alters- und ernährungsabhängige Variabilität der Stuhlflora beachten
Bei der Interpretation von Stuhlflorabefunden muss die altersabhängige Variabilität der Flora-Zusammensetzung berücksichtigt werden. Die auf den Befunden angegebenen Normbereiche beziehen sich auf erwachsene Personen mit der in Mitteleuropa überwiegenden Ernährungsweise. Personen mit vom mitteleuropäischen Durchschnitt abweichender Ernährung (z.B. Vegetarier) können daher ebenfalls Normalwerte aufweisen, die nicht mit den angegebenen Normbereichen übereinstimmen.
5. Interpretation von Pilzfunden im Stuhl
Die pathogenetische Bewertung von Hefepilzfunden im Stuhl darf nicht nur anhand der nachgewiesenen Keimzahl erfolgen, sondern muss die klinische Symptomatik ebenso wie den Zustand der Darmbarriere (bakterielle Flora, ergänzende Stuhluntersuchungen) berücksichtigen. Pilzbesiedlungen liegen häufig in den vorderen Darmabschnitten vor. Dies bedingt einen gewissen Verdünnungs- und Inaktivierungseffekt bis zum Darmausgang. Zudem werden häufig Pilzzellen nicht permanent von mykotischen Läsionen abgeschilfert. Die im Stuhl nachgewiesenen Pilzzahlen repräsentieren daher nicht unbedingt die im betroffenen Darmabschnitt vorliegenden quantitativen Verhältnisse. Auch Pilznachweise im Toleranzbereich dürfen nicht grundsätzlich als irrelevant beurteilt werden.

6. Stuhl-pH-Wert beachten
Keine Interpretation ohne Bewertung des Stuhl-pH-Wertes! Dieser reflektiert die Summe aller Stoffwechselaktivitäten im Dickdarm und erlaubt Rückschlüsse auf die Stoffwechselleistung verschiedener Gruppen von Mikroorganismen.

 
• Die Ernährung macht´s
Der Stuhl-pH-Wert wird über die Zusammensetzung der Darmflora v.a. von dem jeweiligen Ernährungsverhalten beeinflusst, d.h. dem Substrat, das den Mikroorganismen im Dickdarm zur Verfügung steht. Im Dickdarm ankommende Kohlenhydratverbindungen, beispielsweise Ballaststoffe, kann die saccharolytische Bakterienflora zu kurzkettigen Fettsäuren umsetzen und damit eine Ansäuerung des Darmmilieus bewirken. Ein Anfluten von Eiweißen stimuliert dagegen die proteolytisch aktiven Darmkeime, die mit der Bildung von Ammoniak und anderen Stoffwechselprodukten einen alkalisierenden Effekt entfalten. Die Summe dieser Vorgänge resultiert bei darmgesunden erwachsenen, mitteleuropäischen Mischköstlern in pH-Werten zwischen 6,0 und 7,0.
• Schlechte Ernährung – schlechtes Milieu
Einseitige Ernährungsweisen oder Verdauungsinsuffizienzen führen dagegen zu einer vermehrten Zufuhr bestimmter Nahrungsbestandteile. Damit werden entsprechende mikrobieller Stoffwechselwege gefördert. Die Folge: eine Verschiebung des pH-Wertes. Aus dem übermäßigen, über die normale Verdauungsleistung hinausgehenden Verzehr von Eiweißen oder Fetten bzw. Störungen der Protein- und/oder Fettverdauung (Exokrine Pankreasinsuffizienz, Gallensäuresekretionsstörung etc.) aber auch Entzündungen mit Verlust von Plasmaeiweißen resultiert ein vermehrter Übertritt dieser Substanzen in den Dickdarm. So ergibt sich letztendlich eine Alkalisierung des Dickdarmmilieus. Eine überwiegend saccharolytisch aktive Dickdarmflora bei ballaststoffreicher Kost, aber auch bei Kohlenhydratintoleranzen macht sich dagegen mit einer Ansäuerung des Stuhles bemerkbar.
Bei Säuglingen besteht die Dickdarmflora fast ausschließlich aus Bifidobakterien und Laktobazillen, also säuernden Bakterien, was sich im typisch säuerlich riechenden Säuglingsstuhl mit einem pH-Wert von 5,0-5,5 niederschlägt.

• Da ist was faul …
Da im alkalischen pH-Bereich viele bakterielle Enzymsysteme ihr Wirkungsoptimum besitzen, ist ein eher saurer Stuhl-pH zwischen 5,5 und 6,5 anzustreben, wie er bei einer ballaststoffreichen Kost zu erwarten ist. Ansonsten können verschiedenste für den Wirtsorganismus nachteilige mikrobielle Stoffwechselprodukte wie biogene Amine oder Präkanzerogene (z.B. Gallensäuremetabolite) produziert werden. Zudem vermögen sich zahlreiche Fremdkeime, auch Enteropathogene, im alkalischen Milieu besser anzusiedeln und zu vermehren. Ein pH-Wert von 7,0 stellt die Obergrenze dar. PH-Werte, die darüber liegen sind aus den genannten Gründen nicht tolerabel. Hier sollte über eine genaue Ernährungs-Anamnese und evt. weiterführende Untersuchungen (Verdauungsparameter, Entzündungsmarker) Ursachenforschung betrieben und dementsprechend therapeutisch reagiert werden.
Achtung:
Der Stuhl-pH-Wert gestattet keine direkten Aussagen über die Verhältnisse im Dünndarm oder über den Gewebe-pH-Wert.
7. Aussage nur über Dickdarmflora
Stuhluntersuchungen erlauben einen nichtinvasiven Blick in den Dickdarm. Direkte Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Darmflora in höheren Darmabschnitten sind nicht möglich.